Umbau oder Neuerrichtung

Übernahme oder Neugründung einer Arztpraxis ist eine sehr komplexe Aufgabe, für die man üblicherweise nicht die dafür notwendigen Vorkenntnisse mitbringt. Sinnvoll ist es, sich Rat von Kollegen einzuholen, die den Weg bereits einmal gegangen sind. Man erhält gute Tipps und Firmenadressen von bewährten Anbietern. Weniger sinnvoll ist es, bei der Planung auf den Dienst ausgewiesener Experten zu verzichten und einen Bekannten, der Architektur studiert hat oder in einer Tischlerei arbeitet, mit der Planung zu beauftragen.

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Pure Gyn, Frauenarztzentrum Hernals, Foto: Christian Popp
Pure Gyn, Frauenarztzentrum Hernals, Foto: Christian Popp

Eine Ordination ist ein Betrieb, der nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktionieren soll. Darüber hinaus soll er Sicherheit und ärztliche Kompetenz vermitteln. Eine professionelle Beratung kann Ihnen rasch die Eignung eines Objektes klären und eine Kostenschätzung für den Investitionsrahmen zur Verfügung stellen. Eine funktionsoptimierte Grundrisslösung spart Ihnen bares Geld:

Einsparung von Zeit:

  • Kurze Wege für Arzt, Personal und Patienten schaffen
  • Unnötige Kontaktmöglichkeiten von Arzt und Patient vermeiden (z.B. beim WC Besuch des Arztes, beim Betreten der Praxis)
  • Können Tätigkeiten vom Personal erledigt werden, wenn dafür ein entsprechender Raum vorhanden ist?

Konflikte verhindern:

  • Ballungen am Empfang oder im Wartezimmer vermeiden (auch in Covid Zeiten besser)
  • Ein angenehm gestaltetes, behagliches Ambiente stimmt Patienten positiv auf die Behandlung ein und hinterlässt auch bei längeren Wartezeiten keinen negativen Eindruck
  • Kontrollmöglichkeit Arzt – Personal – Patient

Ausgewogene Flächenverteilung:

  • Optimale Flächenausnutzung bei größtmöglichem Komfort für Arzt, Personal und Patienten Raumnutzung optimieren (z.B. Doppelnutzung mit Wahlarzt)

Darüber hinaus ist auf hygienisch einwandfreie Planung und Ausführung zu achten. Nachträglich auftauchende Hygienemängel sind oft nur teuer zu beheben. Das fängt schon bei der Planung der haustechnischen Anlage an. Auslässe für Strom, EDV und andere Infrastrukturen sollen direkt bei den Abnehmern situiert sein. Verlängerungskabel und Leitungsquerungen sind vermeidbar. Die verwendeten Materialien müssen desinfektionsmittelresistent und leicht zu reinigen sein.

Das Behindertengleichstellungsgesetz verlangt Barrierefreiheit für neugegründete Ordinationen. In Umbauten von bestehenden Räumlichkeiten sind die Vorgaben nicht immer zu 100% umsetzbar. Hier braucht es Erfahrung wie allseits befriedigende Lösungen dennoch realisiert werden können.

3-D Modell einer Ordination für Frauenheilkunde (Pure Gyn, Hernals), Animation: Christian Popp
3-D Modell einer Ordination für Frauenheilkunde (Pure Gyn, Hernals), Animation: Christian Popp

Angaben zur Eignung von Objekten für die Errichtung von Arztpraxen/Gruppenpraxen

Umbaueignung

Beim Einbau einer Arztpraxis in Räumlichkeiten, die vorher einem anderen Zweck dienten, kommt es immer zu gröberen Umbauten, da der Grundriss einer Arztpraxis dem optimalen Ordinationsablauf dienen muss. Es geht um ausgewogene Flächenverteilung und kurze Wege für Arzt und Personal. Im Zentrum ist der Empfangsbereich, hier soll es nicht zu Ballungen kommen, von hier aus muss der Überblick gewahrt bleiben.

Gut geeignete vorherige Nutzungen – Geschäftslokale, Gaststätten, Kindergärten – die große, möglichst stützenfreie Räume aufweisen. Leicht entfernbare Trennwände, z.B aus Gipskarton, sind dabei kein Problem. Diese Räumlichkeiten lassen sich mit relativ geringem Aufwand in eine Arztpraxis umbauen. Wichtig ist, dass die Objekte genug Belichtungsfläche haben (z.B. Objekte mit schmaler Straßenfront und tiefen unbelichteten Bereichen sind schlecht geeignet)

Große, stützenfreie Räume eignen sich gut für Arztpraxen:

Dermatologie mit Eingriffsraum, 1020 Wien
Dermatologie mit Eingriffsraum, 1020 Wien

Mehr finanziellen Aufwand beim Umbau in eine Arztpraxis bedürfen Altbauwohnungen mit vielen kleinen Zimmern und Kaminwänden. Erschwerend/ erleichternd dabei ist die Größe des Objektes. Wenn genug Platz vorhanden ist, können Wände stehen bleiben und dafür längere Wegstrecken in Kauf genommen werden. Umgekehrt müssen eben Wände abgetragen und das Optimum auf kleinem Raum umgesetzt werden.

Weitere Randbedingungen:

Ist künftig im gleichen Objekt ein Dachausbau geplant, sollte das vor dem Umbau abgeklärt werden. Wien liegt im Erdbebengebiet, es kann ein Stahlrahmen notwendig werden. Da wäre es sinnvoll, diesen vor Errichtung einer Arztpraxis bereits einzubauen.

Können die Räume mit natürlicher Lüftung über die Fenster belüftet werden? Wenn ein geringer Anteil der Räume nicht natürlich belüftbar ist, kann eine kleine Abluftanlage Abhilfe schaffen. Ist die gesamte Ordination zu belüften, kommt eine professionelle Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung zum Einsatz.

Ist das Gebäude unterkellert? Wenn ein Erdgeschoßlokal umgebaut werden soll, ist das erleichternd um die Abwässer entsorgen zu können.

Erweiterungsmöglichkeiten für die Arztpraxen berücksichtigen. Zum Beispiel könnten den Ärzten neben ihrer Praxis noch Räume zur Untervermietung angeboten werden, damit sie bei Bedarf eine Erweiterungsmöglichkeit haben.

Barrierefreiheit

Möglichst schwellenloser Zugang ins Gebäude/Praxis, Rampen 6%, Liftmindestabmessungen 110 x 140 cm, Rollstuhlradius von 1,50 m vor Türen, 50 cm Anfahrtsbereich neben der Türschnalle, barrierefreies WC (Mindestabmessungen 1,65 x 2,15 m) mit entsprechender Ausstattung (Notruf, Griffe), weitere Spezifikationen: https://www.bizeps.or.at/

Schallschutz/Akustik

Es empfiehlt sich, zumindest im Wartebereich/Empfang schalldämpfende Maßnahmen zu ergreifen (Gipskarton Lochdecken, Mineralfaserdecken). Reduzierter Lärmpegel unterstützt Arzt und Personal bei seiner Arbeit. Auch im Behandlungsraum sind im Idealfall Akustikdecken vorzusehen (nicht jedoch in OP oder Eingriffsraum, hier sind aus hygienischen Gründen glatte Decken erforderlich)

Nicht zuletzt aus Datenschutzgründen muss der Schallschutz zwischen den Ordinationsräumen und auch zum Gang hin beachtet werden. Zwischenwände aus Ziegel oder doppelt beplankte Gipskartonwände sowie Innentüren mit erhöhtem Schallschutz (40 bis 42 dB, Absenkdichtungen) sind dafür erforderlich.

Der Empfangsbereich sollte so viel Abstand zur Wartebereich haben, dass ein Mithören durch andere Patienten nicht möglich ist. Eine Trennwand zwischen Empfang und Wartebereich wäre gut, sollte aber Einblick für das Personal gewähren (z.B. Glaswand)

Beispiel für einen Ordinationsumbau in Zusammenwirken mit Wiener Wohnen (Ehemaliger Kindergarten in der Franzensgasse. Es wurde ein neuer Eingang von der Grüngasse aus geschaffen

Brandschutz

Die Eingangstüre der Praxis muss nach außen aufgehen, wenn sich ständig mehr als 15 Personen in den Räumlichkeiten aufhalten. Achten auf Fluchtwegekennzeichnung, Sicherheitsbeleuchtung und Rauchmelder.

Datenschutzgrundverordnung

Die Einhaltung der Diskretion beim Empfang bedingt entsprechendes Platzangebot in diesem Bereich. Entweder wird der Warteraum räumlich abgegrenzt, z.B. durch eine Glaswand wg. der Einsehbarkeit oder der Raum bietet entsprechend Distanz zwischen Empfangspult und Wartebereich.

Empfangspultbreite min. ca. 2,50 bis 3,00 m Breite für 2 Arbeitsplätze Warteraumgrößen 20 bis 30 m²

Empfang mit Vorbereich 15 bis 25 m²

Kleinere Warteräume sind mit entsprechenden organisatorischen Maßnahmen (weniger Patienten im Warteraum) möglich.

Arbeitnehmerschutz

Mindestraumhöhen in Ordinationen grundsätzlich 3,00 Meter

Wenn eine Ordination kleiner als 100 m² ist und eine geringe körperliche Belastung vorliegt (Definition: überwiegend sitzende Tätigkeit) kann auf 2,50 Meter reduziert werden

Wenn eine Ordination zwischen 100 m² und 500 m² ist und eine geringe körperliche Belastung vorliegt (Definition: überwiegend sitzende Tätigkeit) kann auf 2,80 Meter reduziert werden

Es dürfen dabei aber auch keine erschwerenden Bedingungen vorliegen: Wärmeentwicklung, Belastung durch Gerüche, Gase etc.

Eingriffsraum, Operationssaal = 3,00 Meter Raumhöhe

Die erlaubte Raumhöhe hängt auch von der ärztlichen Disziplin ab: Orthopädie, Physiotherapie – körperliche Bewegung – 3,00 Meter, Augenarzt, HNO – geringe körperliche Belastung – 2,5 bez. 2,8 Meter

Anlagen wie Klimageräte oder mechanische Lüftungseinrichtungen können bei Ausnahmen als Argument herangezogen werden. Rechtzeitig Kontakt mit dem Arbeitsinspektorat suchen, es wird nicht automatisch im Einreichverfahren einbezogen.

Sozialraum, WC Personal, Spinde

Sobald Arbeitnehmerinnen beschäftigt werden, ist ein separates WC erforderlich. Nach Geschlecht getrennte Anlagen sind notwendig wenn regelmäßig gleichzeitig mindestens 5 Frauen und mindestens 5 Männer anwesend sind.

Aufenthaltsbereich für Mitarbeiterinnen (Jausenplatz mit Kühlschrank, Microwelle, etc.), ein versperrbarer Spind/Mitarbeiterin

Ständige Arbeitsplätze

Empfangsbereich: Sichtverbindung nach außen, möglichst natürliche Belichtung.

In Räumen mit nicht ausreichender Aufenthaltsqualität (z.B. Belichtung) dürfen Mitarbeiter nur max. 2 Stunden pro Tag arbeiten.

Ausstattung der Arztpraxen

Boden

Bodenbeläge im Patientenbehandlungsbereich sind möglichst fugenlos und flüssigkeitsdicht herzustellen. Bei Bahnenware ist es ratsam, eine Hohlkehle auszubilden, denn diese kann verschweißt und damit fugenlos hergestellt werden. Ein 90° Stehsockel kann nur mit einer Silikonfuge (=Wartungsfuge) hergestellt werden.

Ein intakter versiegelter Parkettboden ist auch fugenlos und dicht. Es ist allerdings zu bedenken, dass sich die Versiegelung an stark beanspruchten Stellen abtritt und dann ungepflegt wirkt. Ein späteres Parkettbodenschleifen und Neuversiegeln ist aufgrund der Staubentwicklung in einer Arztpraxis ein Problem (man denke an die medizintechnischen Geräte einer Augenarztpraxis)

Anforderungen an Wände

Grundsätzlich sollten Wände in Räumen mit starker Patientenfrequenz sehr stabil hergestellt werden. Im Trockenbau bedeutet das eine zweifache Beplankung. Das ist auch aus schalltechnischen Gründen besser (Verbesserung um 10dB gegenüber einfacher Beplankung). Auf eine normgerechte Ausführung ist zu achten.

Wände sind in kontaminationsgefährdeten Bereichen bis 2,00 Meter leicht reinig- und desinfizierbar auszuführen (z.B. mit Latexfarbe). Es sollten aber auch Bereiche, die starker Beanspruchung unterliegen, eine solche Ausstattung aufweisen (Durchgänge, Vorsprünge, etc.). Im Lehnenbereich von Sesseln sind Rammschutzleisten sinnvoll, damit der Putz dort nicht beschädigt wird.

Farben

Farbharmonien schaffen ein heilsames Umfeld, sie bringen Emotion in Räume und fördern Motivation. Mit Farben kann man temperieren, aktivieren oder beruhigen.

Elektrische Anlagen

Es ist darauf zu achten, dass die Elektro-Anschlusswerte für das Objekt dem Bedarf der Nutzung entsprechen.

Nach Möglichkeit ist eine möglichst umfassende, an den spezifischen Bedarf angepasste, Elektroplanung für ein Objekt zu erstellen, damit können hygienische Bedingungen geschaffen werden. (Unterputzinstallation, Kabelkanäle, keine langen Kabelwege zur Dose)

Wenn Mietobjekte vom Vermieter für eine Arztpraxis hergerichtet werden, ist es sinnvoll, vor Vertragsabschluss den Elektroplan zu erstellen. Damit herrscht Klarheit über Anzahl und Situierung der elektrischen Ausstattung.

Beleuchtung

Lichtverteilung und Leuchtmittelwahl stehen für die Qualität und die Stimmung des Lichtes. Gute Beleuchtung wirkt stimulierend, während schlechte Beleuchtung Stress erzeugt. Im Behandlungsraum sollten 300 bis 500 Lux zur Verfügung stehen. Die Leuchten sollten nicht direkt über der Behandlungsliege situiert werden, damit der Patient nicht geblendet wird. Es sollen arbeitsplatztaugliche Leuchten gewählt werden, um keine störenden Lichtpunkte auf Bildschirmen (Ultraschall, etc.) zu hinterlassen.

Heizung

Aus hygienischen Gründen ist eine Fußbodenheizung zu bevorzugen. Kommen Heizkörper zum Einsatz, sollen diese als Hygieneheizkörper (Plattenheizkörper ohne Lamellen) ausgeführt werden, zumindest in den Behandlungsräumen.

Klimaanlage

Ist genehmigungspflichtig, möglichst vor der Übernahme vom Vermieter projektieren und genehmigen lassen (manchmal sehr aufwändiges Genehmigungsverfahren). Nachträglich nur mit Aufwand realisierbar (Kondensatleitungen, Kältemittelleitungen, Außenaggregat).

Lüftungsanlage

Notwendig bei einer Mehrzahl innenliegender Räume, die anders nicht belüftet werden können. Sinnvoll in Räumen mit dichter Belegung / Bakterienkonzentration, bzw.

Arztdisziplinen mit Gefährdungspotential (Allgemeinmedizin, Lungenfacharzt). Vorgeschrieben im OP Bereich, Eingriffsraum (Div. Filterstufen, etc.)

Sanitäranlagen

Medizinischer Handwaschplatz in jedem Behandlungsraum notwendig. Das Waschbecken darf keinen Überlauf haben. Der Wasserhahn darf nicht direkt in den Abfluss zielen (um keine Bakterien von dort zurück zu spülen). Es ist ein Spritzschutz neben dem Becken vorzusehen wenn daneben eine Arbeitsfläche situiert ist. Idealerweise kommt der Wasserhahn aus der Wand, das ist aber nur bei Krankenanstalten vorgeschrieben (teurer, aber besser reinzuhalten). Der Hebel ist länger auszuführen, damit man die Armatur mit dem Ellbogen bedienen kann, als Alternative dient eine berührungslose Armatur. Handtuchspender, Seifen- und Desinfektionsmittelspender sind vorzusehen. Diese gibt es mit mechanischer Bedienung oder alternativ auch berührungslos (batteriebetrieben, Mehrkosten). Mistabwurf unkompliziert durch offenes Loch in der Front oder eine Klappe und leicht bedienbar ausführen. Waschbeckengröße und Armaturhöhe sind für ein professionelles Händewaschen auszulegen.

Sind keine Fallstränge für das Abwasser von medizinischen Waschplätzen verfügbar, muss eine Abwasserpumpe eingesetzt werden.

Die Warmwasserbereitung für die medizinischen Waschplätze erfolgt am besten dezentral mit Untertischboilern. Liegen Waschbecken nah beieinander, können sie von einem gemeinsamen Boiler versorgt werden. Um Energie zu sparen, können die Boiler mittels Zeitschaltuhr an die Öffnungszeiten der Ordination angepasst werden.

Durchlauferhitzer sind auch möglich, haben aber einen sehr hohen Energiebedarf.

Auch die Anspeisung von Warmwasser über Zirkulationsleitungen ist möglich, bedarf aber der genauen Einhaltung der ÖNorm B 5019 zur Legionellenprävention (überall mindestens 55° C Temperatur erforderlich).

Platzbedarf Ordinationsräumlichkeiten

Platzbedarfvon m²bis m²Behandlungsräumevon m²bis m²Behandlungsräume
KassenordinationWahlarztordination
Allgemeinmedizin120,00150,002 BR90,00120,002 BR

150,00180,004 BR120,00150,004 BR
Orthopädie110,00140,002 BR70,00100,002 BR

170,00220,004 BR


Zahnarzt150,00180,004 BR12,00160,003 BR

200,00250,006 BR



180,00210,004 BR + Cerex



230,00280,006 BR +Cerex


Dermatologie140,00160,003 BR110,00150,002 BR

170,00200,004 BR


Augenheilkunde140,00160,003 BR120,00150,002 BR

170,00200,004 BR



230,00280,006 BR


HNO120,00150,003 BR100,00120,002 BR
Frauenheilkunde160,00190,003 BR120,00150,002 BR
Chirurgie, Endoskopie210,00250,003 BR130,00180,002 BR
Kinderheilkunde140,00180,002 BR100,00120,002 BR
Urologie130,00160,003 BR70,00110,002 BR
Neurologie100,00130,002 BR70,00110,002 BR

Kontakt

Medlounge by Abendroth Architekten
Tel.: +43 676 5509697
E-Mail: architekt@abendroth.at
Web: www.medlounge.at

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