Blick nach Deutschland

Auch in Deutschland ist das Thema der Niederlassung während des Studiums und in der Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte nur eine Randerscheinung. Zu wenig wird über die Möglichkeiten einer Niederlassung oder der Anstellung in der Niederlassung mit all den Vorteilen der freien Entscheidung, Flexibilität und des Arbeitens in Teilzeit berichtet. Dabei zeigen diverse Umfragen unter jungen Ärzten, dass weiterhin Interesse an der Niederlassung vorhanden ist.

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In einer Umfrage des Hartmannbundes unter jungen Ärzten aus dem Jahre 2017 geht hervor, dass über 45% der befragten Ärztinnen und Ärzte sich eine Tätigkeit in der Niederlassung vorstellen können. 30% der Ärzte stehen einer wirtschaftlichen Selbstständigkeit in Form einer Gemeinschaftspraxis und 5% in Form einer Einzelpraxis offen gegenüber.

Natürlich hat sich das Bild des Arztes in der Niederlassung in den vergangenen Jahren auch in Deutschland verändert: statt Einzelpraxen geht der Wunsch der jungen Ärztinnen und Ärzte heutzutage in die Richtung von kooperativen Verbünden, wie auch Umfragen der kassenärztlichen Bundesvereinigung (www.kbv.de/html/5724.php) zeigen. Dies kann in Form einer Gemeinschaftspraxis, einer Praxisgemeinschaft, einer Tätigkeit in einem ärztlich geführten MVZ oder aber auch regionalen Ärztenetzen erfolgen.

Welche Unterstützungsangebote für junge, niederlassungswillige Ärztinnen und Ärzte gibt es denn in Deutschland?

Bedingt durch die länderzentrierte, föderalistische Organisation des deutschen Gesundheitssystems gibt es keine einheitliche Lösung der offiziellen Gremien: Vielen Kassenärztliche Vereinigungen haben die Not der Stunde und zunehmende Unterversorgung in der Fläche und fehlenden Nachfolgern erkannt und bieten Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Niederlassung an. In Westfalen -Lippe, einem Teil Nordrhein-Westfalens, ist die Serie „Praxisstart“ (www.praxisstart.info) bereits seit mehreren Jahren etabliert und erfreut sich großer Beliebtheit. Hier werden Informationen zur Praxisgründung und darüber hinaus weitergegeben: dazu zählen die räumlichen Gegebenheiten, Finanzierungsmöglichkeiten, Verteilung von Arztsitzen (dies wird durch die KV auf Länderebene in D gesteuert), die Personalführung und das Personalmanagement, die Außenwirkung der Praxis über Homepage und Social Media, rechtliche Grundlagen, aber auch Abrechnungsmodalitäten in der gesetzlichen wie privaten Krankenversicherung (… Deutschland besitzt ein duales Versicherungssystem). Auch spezielle Formate für die Anstellung in der Niederlassung werden neuerdings angeboten. 

Darüber hinaus gibt es eine schier unendliche Zahl von Beratungsunternehmen und Beratern, die jungen Ärztinnen und Ärzten den Weg in die eigene Praxis erleichtern wollen. Hierbei ist ein genauer Blick auf die Expertise des Beraters im ärztlichen Bereich unerlässlich. 

Weitere Angebote finden sich in Deutschland über die Fachgesellschaften und Berufsverbände, in denen seit einigen Jahren Arbeitsgruppen für junge Ärztinnen und Ärzte etabliert wurden. Ein Austausch untereinander bis hin zu fachspezifischen Niederlassungsseminaren gehören zum Portfolio. Die „Fit-für-die-Praxis“-Seminare von JuDerm (www.juderm.de) sind ein Beispiel, der „Werkzeugkasten Niederlassung“ des Deutschen Hausärzteverbandes ein anderes (www.hausarzt-werkzeugkasten.de). Hier liegt der Fokus vor allem auf den Besonderheiten des jeweiligen Faches, der fachbezogenen Praxis- und Geräteausstattung aber auch fachlichem Wissen für die Niederlassung. 

Corona ist für das deutsche- und sicherlich auch für das österreichische Gesundheitssystem ein Digitalisierungs-Booster gewesen. Dies kann ein möglicher Schwerpunkt weiterer Niederlassungsseminare und Praxisinformationsseminare darstellen: Viele digitale Lösungen alltäglicher Probleme werden durch Start-Ups angegangen, Lösungen sind häufig schon vorhanden, jedoch ohne großen Bekanntheitsgrad in der ärztlichen Welt. Allein die intelligente Digitalisierung von Anamnesebögen und Anpassung dieser an die Antworten des Patienten werden aktuell von mehreren Start-Ups bedient (AmbulApps, Anaboard, Idana), um nur ein mögliches Beispiel zu nennen. Online- oder intelligente Terminvergabe, Telefonassistenten, Interoperabilität der Praxisausstattung, synchrone und asynchrone Videosprechstunde sind unzählige Weitere. 

Mit Begeisterung kann ich nun feststellen, dass mit dem Praxisgründungsguide, den ihr gerade in den Händen haltet, eine kompakte Wissenssammlung zur Niederlassung oder Anstellung in der Praxis zusammengestellt wurde. Ähnliche Projekte, die deutschlandweit existieren, gibt es leider (noch) nicht – wären aber für die Zukunft sehr wünschenswert!

Kontakt

Max Tischler
Sprecher Bündnis Junge Ärzte
max.tischler@buendnisjungeaerzte.org
Web: www.buendnisjungeaerzte.org

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