Doktortitel in der Tasche – und jetzt?

Wer Medizin studiert, wird danach Arzt oder Ärztin – oder? Ganz so eindeutig ist es längst nicht mehr: Rund 40% der Studienabsolvent:innen gehen heute einen anderen Weg. Statt als Ärzt:in im Krankenhaus oder der Klinik zu arbeiten, wählen sie beispielsweise den Weg in die Lehre, die Pharmaindustrie oder noch einmal zurück an die Universität. Die Möglichkeiten sind scheinbar unbegrenzt – und die Orientierung umso schwieriger. Zeit, etwas Ordnung ins Wirrwarr der Karrierewege zu bringen.

Vorweg sollte man sich zuallererst die Frage stellen: Was will ich eigentlich? Denn in den vielen Jahren des Studiums kann sich der Fokus stark verändern. Vielleicht hat man herausgefunden, dass einem der Kontakt zu Patient:innen doch nicht liegt – oder das Praktizieren einfach keinen Spaß macht. Vielleicht hat man in einem Praktikum herausgefunden, dass man sich auch gerne mit wirtschaftlichen Problemstellungen beschäftigt. Oder es fehlt einem der Bezug zur Technik, den man im weiteren Werdegang stärker verfolgen will. Prinzipiell gilt: Nahezu alles ist möglich.

Karriere in der Medizin

Der „klassische“ Weg nach dem Studium ist der hin zur allgemeinmedizinischen oder fachärztlichen Weiterbildung. Seit dem 1. Juni 2015 ist die Novelle zum „Ärztegesetz“ in Kraft getreten. Sie brachte eine Reihe ausbildungsrechtlicher Änderungen mit sich. Unabhängig davon, ob man sich für den Weg zur Allgemeinmedizin oder für die Fachärzt:in-Ausbildung entscheidet, folgt auf das Studium eine neunmonatige Basisausbildung. Im Fachjargon wird sie auch „Common Trunk“ genannt.

Für Absolvent:innen, die sich für die Ausbildung zum oder zur Ärzt:in für Allgemeinmedizin entscheiden, gilt daraufhin das folgende:

  • Nach der Basisausbildung folgen 21 beziehungsweise 27 Monate – abhängig von der Fächerwahl – in einem Lehrkrankenhaus. Man nennt das „Spitalsturnus“. Sie besteht aus drei- und sechs-monatigen Stationen. Daraufhin folgen noch mindestens sechs Monate in einer Lehrpraxis.
  • Für die Ausbildungszeit im Spital bedeutet das, dass man die Verantwortung für bis zu 60 Betten in zwei Bereichen oder 45 Betten in drei Bereichen trägt.
  • Den Abschluss bildet die Prüfung durch die Österreichische Ärztekammer.
  • Danach kann man als Ärzt:in für Allgemeinmedizin arbeiten.

Natürlich steht einem auch offen, den Weg zur Fachärzt:innen-Karriere einzuschlagen. Sofern man sich für ein internistisches Fach entscheidet, gilt es, die folgenden Stationen abzuleisten:

  • Um sich Fachärzt:in nennen zu kennen, bedarf es einer mindestens 63 Monate langen Ausbildung.
  • Teil hiervon ist die Sonderfachgrundausbildung „Innere Medizin“ von 27 Monaten. Daraufhin gilt es, zwischen zwei Optionen eine auszuwählen, die beide noch einmal 36 Monate dauern:
  • Eine Option ist es, die Schwerpunktausbildung „Innere Medizin“ zu vertiefen und sich zu spezialisieren – beispielsweise im Bereich Nephrologie, Kardiologie und Pneumologie. Man hat jedoch auch die Option, sich weiter auf Allgemeine und Innere Medizin zu konzentrieren.
  • Am Ende des Weges steht ebenfalls die Facharztprüfung durch die Ärztekammer an.

Etwas anders strukturiert sind die Weiterbildungen in Chirurgischen und sogenannten Sonderfächern.

Bleibt nur noch die Frage nach dem lieben Geld. Entscheidet man sich für den Weg als Fach- oder Allgemeinmediziner:in zu arbeiten, beträgt das durchschnittliche Einstiegsgehalt im Rahmen der Ausbildung etwa 4.000€ brutto (Bruttogrundgehalt exkl. Zulagen).

Tabelle der einzelnen Module und Abschnitte der ärztlichen Ausbildung in Österreich

Karriere in der Industrie

Ein weiterer Weg, der einem nach dem Medizinstudium offen steht, ist eine Karriere in der Industrie. Wen zugleich medizinische und wirtschaftliche Fragestellungen interessieren, den könnte diese Option begeistern. Doch wie sieht das genau aus?

Es ist beispielsweise möglich, mit einem Trainee-Programm zu starten, um sich die wirtschaftlichen Grundkenntnisse anzueignen. Mediziner:innen starten anschließend zum Beispiel als Manager im Bereich Medical and Scientific Affairs. Konkret bedeutet das: die Planung, Koordination und Durchführung klinischer Studien – etwa zur Zulassung eines neuen Medikaments. Gerade in großen Unternehmen arbeitet man hier nicht alleine und häufig sogar mit anderen Mediziner:innen. Zum Job können die Beantwortung medizinischer Anfragen gehören – und sich mit dem Thema Patient:innen-Sicherheit zu beschäftigen.

In großen Konzernen ist das noch nicht alles und es stehen viele Wege offen. Wer beispielsweise das „Vertriebs-Gen“ besitzt und gerne mit unterschiedlichen Menschen zu tun hat, ist vielleicht im Sales-Bereich gut aufgehoben.

Wem das Thema Medikamente zu wenig technisch ist, der ist möglicherweise in einem Unternehmen oder Bereich der Medizintechnik oder -informatik gut aufgehoben. Wichtig ist ein solides technisches Grundwissen zu haben oder sich schnell erarbeiten zu können. Mögliche Arbeitsbereiche sind die Entwicklung und Wartung von Krankenhaustechnik – oder die Arbeit an bildgebenden Verfahren.

Bei diesem Karriereweg erwarten einen etwa 4.500€ brutto als Einstiegsgehalt (Bruttogrundgehalt exkl. Zulagen).

Karriere in der Forschung

Nicht der einfachste, aber sicher ein sehr reizvoller Weg ist der in die medizinische Forschung. Die allermeisten entscheiden sich für einen Arbeitsplatz in einer Universitätsklinik – häufig kombiniert mit einem weiteren akademischen Abschluss, dem PhD. Die Abkürzung steht zwar wörtlich für den Doktor der Philosophie, doch er kann in zahlreichen verschiedenen Fachbereichen vergeben werden. Attraktive PhD-Programme bieten beispielsweise die Universitäten Graz, Innsbruck oder Wien an. Viele entscheiden sich nach diesem Abschluss dafür, weiter an der Universität zu lehren und zu forschen.

Das Einstiegsgehalt beträgt im Schnitt etwa 2.000€ brutto pro Monat.

Eine Alternative zur Promotion stellt ein Master-Studiengang in diversen Bereichen dar, um sein Wissen zu diversifizieren. Die Auswahl ist nahezu grenzenlos – große Fachbereiche sind etwa Public Health, das sich mit der öffentlichen Gesundheitsversorgung beschäftigt, oder Studiengänge, die einen auf das Management von Krankenhäusern oder anderen medizinischen Instituten vorbereiten. Diese Option ist besonders interessant für Absolvent:innen, die später eine Führungsposition einnehmen möchten. Man beschäftigt sich hier mit rechtlichen Grundlagen der Medizin, mit Finanzierung, Controlling und anderen Themen.

Darüber hinaus gibt es noch „exotischere“ Master-Studiengänge wie Psychotherapieforschung, interdisziplinäre Schmerzmedizin oder Toxikologie. Für beinahe jeden ist etwas geboten. Ein weiterer Vorteil an diesem Weg: Viele dieser Master-Abschlüsse qualifizieren einen auch für eine Position in der Industrie.

Und was gibt es noch?

Die drei beschriebenen Karrierewege gehören zwar zu den beliebtesten – doch sie sind längst nicht das Ende der Fahnenstange an Optionen nach einem abgeschlossenen Medizinstudium. Eine eher seltenere, aber nicht weniger lohnenswerte Laufbahn kann zum Beispiel im Medizinjournalismus beginnen, wo man medizinische Themen recherchiert und für diverse Zielgruppen verständlich aufbereitet. Auch im Consulting oder Versicherungswesen werden immer wieder Mediziner:innen gesucht – ebenso wie beim österreichischen Heer.

Mediziner:innen können, müssen aber keine Ärzt:innen werden – oder für immer bleiben. Unzählige offene Türen erwarten einen nach dem begehrten Abschluss. Eine kleine Kostprobe diverser Jobangebote für Mediziner:innen gibt es beispielsweise hier: www.jungmediziner.net/jobs oder hier: www.medcareer.eu – viel Vergnügen beim Stöbern!

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