Erhält ein Patient eine schwerwiegende Diagnose, kann dies neben den physischen Folgen auch eine enorme psychische Belastung für den betroffenen darstellen. Auch kann eine Beteiligung der Psyche am Krankheitsgeschehen nachteilige Folgen haben.

Für betroffene Personen ist eine „Psychosomatischen Grundversorgung“ erforderlich. Sie ist nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses für diverse Fachbereiche der Medizin notwendig, unter anderem auch in der Allgemeinmedizin. Es bedarf einer fachlich fundierten Weiterbildung, um die adäquate Versorgung sicherzustellen. Mit der Zusatzqualifikation im Rahmen der sogenannten psychosomatischen Grundversorgung können geschulte Mediziner ihre Patienten adäquat behandeln.

Belastung und Unzufriedenheit auf beiden Seiten

Für Allgemeinmediziner und Fachärzte ohne einen psychologischen Hintergrund ist es allgemein schwierig, psychogene oder psychogen mitverursachte Erkrankungen korrekt zu diagnostizieren. Bei der Ausbildung in der Allgemeinmedizin ist das kein Schwerpunkt. Studien von Instituten für psychosomatische Medizin und Psychotherapie gehen von einem hohen Anteil an Patienten aus, die falsche Diagnosen erhalten.

Das fehlende Verständnis für psychosomatische Erkrankungen ist hauptursächlich für eine hohe Zahl an falschen Diagnosen. Experten schätzen die Zahl der fehlerhaft diagnostizierten Patienten auf mindestens 30 Prozent. Eine falsche Diagnose hat diverse Folgen. Die eingeschlagene Therapie baut darauf auf, bei einer falschen Diagnose ist sie inadäquat. Das verursacht immense Kosten für das deutsche Gesundheitssystem. Nicht zuletzt leidet auch das Vertrauen von Patienten in die Medizin. Die Folge ist eine hohe Unzufriedenheit bei Medizinern und Patienten.

Die frühe Erkennung als Ziel

Damit es erst gar nicht zur falschen Diagnose kommt, muss die psychosomatische Grundversorgung bereits sehr früh zur Anwendung kommen. Mit dem Wissen der Zusatzqualifikation können Mediziner schneller differenzialdiagnostische Maßnahmen in die Wege leiten. Die Differenzialdiagnose hat als Ziel, die alternativ als Erklärung für die Krankheitszeichen oder medizinischen Befunde vorliegenden Krankheiten auszuschließen.
Bei einem komplexen Krankheitsbild wird die Erkrankung in ihre somatischen, psychischen und psychosozialen Auswirkungen unterteilt und untersucht. In der Vergangenheit wurde der Fokus bei der Diagnostik und Therapie zu einseitig auf die Biologie ausgerichtet. Der Einfluss der Psyche auf den Körper wurde zu wenig hinterfragt. Die psychosomatische Grundversorgung verfolgt den mehrdimensionalen diagnostischen und therapeutischen Ansatz unter Einbeziehung möglicher psychologischer oder psychosozialer Behandlungen.

Sinnvoll investierte Zeit

Das Curriculum der Zusatzqualifikation „Psychosomatischen Grundversorgung“ ist für bestimmte medizinische Berufsgruppen vorgeschrieben. Die Fort- und Weiterbildung ist für Allgemeinmediziner ebenso obligatorisch wie für Ärzte, die im Bereich der Frauenheilkunde und Geburtshilfe tätig sind. Die Ärztekammern in Deutschland können darüber hinaus weitere Fachbereiche zu dieser Zusatzqualifikation verpflichten. Information dazu bietet die Bundesärztekammer, die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern.

Bestimmte Leistungen können Ärzte nur bei Nachweis der Zusatzqualifikation abrechnen. Bei der Akupunktur und der Schmerztherapie berechtigt ein erfolgreich absolvierter Kurs in „Psychosomatischer Grundversorgung“ zur Abrechnung mit den gesetzlichen und privaten Krankenkassen. Gleiches gilt für die Zulassung zur In-vitro-Fertilisation. Die Fort- und Weiterbildung ist eine sinnvoll investierte Zeit. Die investierten Kosten amortisieren sich bei Abrechnung zusätzlicher Behandlungsfelder. Darüber hinaus sind entsprechend geschulte Mediziner in der Lage, ihre Patienten fundierter zu diagnostizieren. Reduziert wird dadurch die Gefahr von falschen Diagnosen, unnötigen Therapien und unzufriedenen Patienten.

Einsatzbereiche in der Praxis

Die erlernten Behandlungsmöglichkeiten in dem Kurs sind vielseitig in den Alltag einzusetzen. Besonders hervorzuheben ist die Behandlung bei akuten seelischen und psychischen Krisen und chronischen Krankheiten. Ärzte können auf zwei wesentliche Interventionen zurückgreifen.

Bei der verbalen Intervention wird versucht, dem Patienten durch eine systematische Gesprächsführung mehr Einsicht in die eigene Krankheit zu vermitteln. Die komplexen psychosomatischen Zusammenhänge, die für die akute oder chronische Erkrankung verantwortlich sind, werden zum Ziel der Krankheitsbewältigung thematisiert. Die Gesprächsführung findet in Einzelgesprächen statt. Bei starker Belastung kann eine enge Bezugsperson hinzugezogen werden.

In Gruppenbehandlungen erfolgt die suggestive Intervention. Mögliche Maßnahmen sind die Jacobsonsche Relaxationstherapie oder das Autogene Training. Unter Umständen und mit Einwilligung des Betroffenen ist die Hypnose in Einzelbehandlung möglich. Die unterschiedlichen Behandlungsoptionen sind nicht zu mischen.

Aufbau und Umfang der Weiterbildung

Wichtigste Voraussetzung für teilnehmende Mediziner ist die Anerkennung der Zusatzqualifikation durch die Ärztekammern. Das ist bei einem Kurs der Fall, der sich dem Curriculum für psychosomatische Grundversorgung der Ärztekammer orientiert. Das garantiert die Freigabe zur Abrechnung zusätzlicher Ziffern. Dazu zählen die Ziffern 35100 und 35110.

Die Zusatzqualifikation wird in einem meist einwöchigen Kurs erworben. Dazu kommen Mediziner verschiedener Fachbereiche zusammen. Der Kurs dient neben dem Vermitteln von Wissen auch dem Austausch untereinander. Stattfinden können die Angebote in unterschiedlichen Städten in Deutschland sowie im Ausland. Das ermöglicht es, abseits des Kurses zu entspannen und zahlreiche Freizeitangebote wahrzunehmen.